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Projekt: „Malerisch gestalteter Außenbereich zum Chillen im Sommer“

Ludwigshafen 2016

Authentisch ist genau das richtige Wort

„Mein Aha-Erlebnis ist, dass es super läuft. Womöglich durch die Art, wie ich die Kinder mitreißen kann. Ich kann mich auf die gleiche Ebene begeben und mitmachen, auch deren Späße. Das ist wohl das, was gut ankommt.“ Matthias Neuthinger ist bildender Künstler. Ihm geht es um Authentizität in seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen* und in der Kooperation mit den Pädagog*innen des Jugendzentrums Rheingönheim (JUZ) in Ludwigshafen. Hier macht er sein Praxisprojekt, welches Teil der Weiterbildung im Kompetenzkurs Kultur – Bildung – Kooperation ist.

Die sehr guten Rückmeldungen der Kinder – manche schreiben ihm kleine Dankesbriefe – und der Pädagog*innen geben ihm recht, so offen und unvoreingenommen zu sein: „Ich selbst mache es nicht von einem Muss abhängig. Außerdem wird uns in der Weiterbildung vermittelt, unsere individuellen künstlerischen Stärken einzusetzen und das ist das, was ich toll finde.“ In der Arbeit mit den Kindern bedeute das, so Matthias Neuthinger, elementare Gestaltungsregeln zu vermitteln und wie man zielorientiert die gestalterische Arbeit zu einem guten Endergebnis bringt. Es bedeute aber auch, didaktisch nicht zu verkopft heranzugehen, zu schauen, wo diese gerade stehen, wofür sie sich begeistern lassen. „Ich machte das Projekt von vorneherein spannend, indem ich die Kinder ihre Farben selbst mischen ließ, sie arbeiteten mit Pigmenten und einer von mir hergestellten Masse aus Leim, Kreide und Latexbinder. Jedes Kind durfte sich einbringen und mischen wie es wollte nach meiner Anleitung. Ich habe dann auch jedem selbst das Feld überlassen. Und das ist spontan auf Zuspruch gestoßen“, erzählt Matthias Neuthinger über den ersten der zwölf Nachmittage, in denen er mit zehn Kindern zwischen sieben und elf Jahren den Außenbereich des JUZ gestaltet. Nach einiger Zeit stellte sich für ihn heraus, dass es außerdem noch Regeln braucht, wie mit dem Material, das schließlich an ein Budget gebunden ist, umzugehen sei: „Die Ehrfurcht vor dem Geldwert von Farben, Pinseln usw. lag bei Null. Hier musste ich die Kinder ganz klar stoppen.“

Für die Zusammenarbeit mit einer Bildungseinrichtung – einem Jugendzentrum oder einer Schule – bedeute eine unvoreingenommene Herangehensweise, zu schauen, ob es passt. Sonst sei es nicht erfolgversprechend. So würde sich Matthias Neuthinger auch nicht verbiegen, um in irgendwelche Normen reinzupassen.

Im JUZ in Rheingönheim war das auch gar nicht nötig. Die Mitarbeiter*innen und er hätten sich gleich beim Kennenlernen als Bereicherung betrachtet. Eine gute Kommunikation gäbe es während des Projekts und viel Unterstützung. „Das ist für mich auch alles Neuland. Was darf ich, was darf ich nicht. Mittlerweile habe ich auch gelernt, Grenzen zu setzen, unterstützt durch die Pädagog*innen. Habe festgestellt, wie energiezehrend und anstrengend die permanente Forderung des einzelnen Kindes ist“, beschreibt Matthias Neuthinger die Herausforderungen. Zunächst müsse er noch selbst lernen und Sicherheiten entwickeln, wie er zukünftig vorgeht. Die didaktischen Methoden, das pädagogische Wissen und auch Spiele und Gruppenmethoden aus dem Kompetenzkurs unterstützen ihn dabei. Wobei er diese Dinge bisher nicht nach Plan einsetzt, „denn es ging so voll los und es blieb gar keine Zeit für die vorgeplanten aufgeschriebenen Dinge. Dann habe ich einfach zugelassen, wie es läuft und es lief gut. Ich habe bisher Erlerntes real nicht immer angewendet, ich habe es aber im Hinterkopf.“

Der Kompetenzkurs und das Praxisprojekt ist ein weiteres Ausprobieren für Matthias Neuthinger. Bereits in zwei anderen Projekten, in denen es darum ging mit Kindern innerhalb einiger Ferientage eine Ausstellung zu gestalten, hat er Erfahrungen gesammelt. Jetzt zieht er Vergleiche. Eine Ausstellung auf die Beine zu stellen sei sehr ambitioniert, zielorientiert. Gleichzeitig gehörten für die Kinder im Ausstellungsprojekt kulturelle Bildungsangebote selbstverständlich zum Leben. Es sei ein tolles Projekt gewesen, aber leider ohne ausreichend Zeit auf die Kinder einzugehen, ihre Stärken zu erkennen und gemeinsam herauszufinden wie man vorgeht. „Das ist im JUZ etwas anders. Auch mal zurücklehnen, Pause machen. Wir hängen entstandene Arbeiten hin, schaut mal, wie findet ihr denn das und kommen dann zu einem gemeinsamen Ergebnis. Auch zu einer Einigung, ändern wir Farbe oder Form oder ist beides stimmig.“

Die Kinder, die den offenen Jugendtreff in Rheingönheim besuchen, kommen eher aus bildungsfernen Familien. Es sind vielfach Hauptschüler*innen und Auszubildende, die das  offene Angebot wahrnehmen. Spezielle künstlerische Werkstätten gab es dort bisher nicht. Es hätte auch Bedenken gegeben, dass die Kinder sich für dieses Kunstprojekt nicht gut konzentrieren könnten und ihnen die Erfahrung und auch Geduld mit Kunst fehlt. „Ich hatte ja ursprünglich auch gedacht, dass es ein Unterschied ist wegen dem sozialen Hintergrund. Aber ich sehe nicht wirklich einen. Die Kinder erkennen Zusammenhänge, finden selbst Lösungen. Aber ich muss sie lenken, immer wieder Futter bieten, sonst driften sie ab. Sie haben eine sehr geringe Aufmerksamkeitsspanne“, beschreibt Matthias Neuthinger die Situation im JUZ. Die Pädagog*innen des JUZ sind angenehm überrascht, dass die Kinder dabei bleiben, um gemeinsam ihren Außenbereich künstlerisch zu gestalten. Matthias Neuthinger erzählt: „Ein Kollege aus dem Leitungsteam meinte, ich könne sehr stolz darauf sein, dass die Kinder so regelmäßig kommen. Die wären oft nur schwer zu motivieren.“

Das Fazit für Matthias Neuthinger ist also, bei den Kindern anzusetzen, ihnen ästhetisch und gestalterisch viel zuzutrauen und selbst authentisch zu bleiben. Und noch eine Erkenntnis hat sich breit gemacht: sich und die Kinder mit einem großen Programm nicht überfordern. Bei der Ausstellung damals sei das Ergebnis gut gewesen, aber dafür hätte Matthias Neuthinger selbst sehr stark handwerklich unterstützen müssen. „Dies mache ich durch meine Weiterbildung im Kompetenzkurs nun anders. Ich lerne die didaktische Herangehensweise und das setze ich intuitiv ein ohne vorher die Abläufe im Detail aufzuschreiben. In dieser Richtung werde ich weitermachen, vorher ein Konzept erarbeiten, um dieses später mit den Pädagogen auszuwerten.“ Als nächstes will er diese Herangehensweise in einem Projekt mit einer Schule ausprobieren. Für ihn selbst war Schule immer schwierig: „Ich konnte nie genügen, aber vielleicht funktioniert es jetzt andersherum.“ Nämlich dann, wenn er in der neuen Vermittlungsrolle voller Lust und Neugier mit Schülerinnen und Schülern arbeitet.

Fotos: Matthias Neuthinger

 

 



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