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Projekt: „Printing Queen“

Berlin 2015

Zwischen Freiheit und Regeln


Ein Zwiespalt. Antje Tschirner wollte, dass sich die Mädchen ausprobieren, wollte ihnen möglichst viel Freiheit geben. Doch nach dem ersten Tag ihres Praxisprojekts „Printing Queen“ im Mädchenzentrum im Rahmen der Weiterbildung „Kompetenzkurs Kultur – Bildung – Kooperation“ war ihr klar, es braucht auch Grenzen. Noch lange nach dem Projekt beschäftigt sie, wie sie zu Beginn einer künstlerischen Werkstatt es schafft den Kindern und Jugendlichen* „charmant zu sagen ohne extrem pädagogisch zu sein, was sind die Regeln der Arbeit, also wie geht man mit Material um und wie geht man miteinander um“.

Antje Tschirner ist Grafikerin und Gestalterin. Sie hat sich für den Kompetenzkurs beworben, weil sie gern mehr darüber erfahren wollte, wie sie die kreativ-künstlerische mit der pädagogischen Arbeit verbinden kann. „Ich sitze viel vor dem Rechner und ich will einfach mit Menschen arbeiten“, erläutert sie. Schnell wird im Gespräch mit ihr klar, dass genau das auch die Herausforderung für sie ist und der „Kompetenzkurs“ dafür einen Anstoß geben konnte.

Das Praxisprojekt ist obligatorischer Teil der Weiterbildung. Eine Druckwerkstatt im Mädchenzentrum Alia in Berlin-Kreuzberg haben die beiden Teilnehmerinnen am „Kompetenzkurs“ Antje Tschirner und Sandra Haselsteiner gemeinsam geplant. Erst haben sie mit den Schulen im Kiez gesprochen und nach Möglichkeiten gesucht zu kooperieren, um ein Projekt durchzuführen. Da die Schulen einen längeren Vorlauf brauchen und es lieber gesehen hätten, eine Arbeitsgruppe für ein ganzes Schuljahr einzurichten, kamen die beiden Künstlerinnen schnell auf das Mädchenzentrum. „Es ist einfach sehr sympathisch und die haben gesagt, die haben auch Lust drauf“, sagt Antje Tschirner. Kooperativ und sehr zugänglich erlebten die beiden Künstlerinnen das Mädchenzentrum bei ihren Besuchen, um sich die Räume anzuschauen und gemeinsam mit der Leiterin des Zentrums die Rahmenbedingungen zu besprechen.

Es war auch etwas Besonderes, dass externe Künstler*innen angeboten haben mit Stempeln, Moosgummi, Buchbindung und Farben zu experimentieren. An der zweitägigen Werkstatt in den Sommerferien haben Mädchen im Alter von 10 bis 13 Jahren teilgenommen, „klassische Wrangel-Kiez-Mädchen, mit Migrationshintergrund, die da einfach unterwegs sind in der Ecke oder in dem Mädchenzentrum“, beschreibt Antje Tschirner die Teilnehmerinnen. Vor allem würden die Mädchen viel Beratung und Zuwendung brauchen, wie sie von der pädagogischen Leiterin erfuhr. Für die beiden Künstler*innen war es sehr überraschend, dass die Mädchen so stark ihre Aufmerksamkeit eingefordert haben. Während sie kreativ mit den Mädchen arbeiteten, mussten sie sie immer wieder bestätigen: „du kannst das, du machst, du kannst das gut, das sieht gut aus“, erinnert sich Antje Tschirner. Sie hätte vorher nicht genau gewusst, wie es sich anfühlt, mit dieser Zielgruppe zu arbeiten: „Ich wohne ja in dem Kiez, aber so richtig klar war mir das vorher nicht.“ Dass die Werkstatt dennoch erfolgreich war, konnte sie daran sehen, dass die Mädchen sich natürlich an den Drucktechniken ausprobierten, T-Shirts, Karten und Beutel bedruckten. Sie waren glücklich, „dass man überhaupt so relativ schnell einfach seine Sachen schön machen kann, drucken kann und dass das auch schön aussehen kann. Das fanden die super.“

Nach dem Projekt besprachen Antje Tschirner und Sandra Haselsteiner mit der Leiterin des Mädchenzentrums ihre Erfahrung, dass die Mädchen die Werkstatt teilweise blockiert haben oder sogar destruktiv waren und klare Grenzen und Regeln notwendig gewesen wären. Für die Beiden war das Gespräch hilfreich. Antje Tschirner reflektiert: „Das sind bestimmt Sachen, die Pädagogen vorher wissen, ich aber nicht. Die Grenzen sind wichtig. Aber es ist schade in einem künstlerisch freien Kontext, weil das ist ja eigentlich Freiheit und Offenheit.“

Mit ersten Erfahrungen und Tatendrang geht es weiter. Ein Projektantrag in Kooperation mit einer Schule aus dem Kiez ist schon auf dem Weg. Vieles aus dem „Kompetenzkurs“ kann sie darauf übertragen. Spontan fallen ihr einige Aspekte ein: „wie findet man Themen, wie gehe ich in Konfliktsituation vor, wie mache ich eine Ansprache von Jugendlichen*, wie führt man Evaluationsgespräche, worauf muss man achten in Kooperationen, dass es allen gut geht.“ Und natürlich Austausch und Kommunikation, die wichtig sind, und sie in ihrem eigenen Projekt als impulsgebend erlebt hat.

Fotos: Antje Tschirner



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